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Data Feminism: Warum Daten nicht neutral sind (und was das für dein Business bedeutet)

Spoiler Alert: Die Trainingsadten von KI sind nicht so objektiv, wie du denkst.

Du denkst, Daten sind neutral? Zahlen lügen nicht? Ha! Wenn du das immer noch glaubst, dann wird es höchste Zeit für ein Wake-up-Call. Denn die Art, wie wir Daten sammeln, analysieren und interpretieren, ist alles andere als unvoreingenommen und das hat direkten Einfluss auf dein Business als Frau/Mensch.

Was ist Data Feminism eigentlich?

Data Feminism ist kein neuer Trend, den sich ein paar gelangweilte Akademikerinnen ausgedacht haben. Es ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der von Catherine D’Ignazio und Lauren Klein entwickelt wurde und aufzeigt, wie Macht und Privilegien unsere Datenlandschaft prägen. (Das Buch “Data Feminism” kam 2020 raus.)

Einfach ausgedrückt: Data Feminism hinterfragt, wer Daten sammelt, wie sie gesammelt werden und vor allem, wessen Geschichten durch diese Daten erzählt (oder eben nicht erzählt) werden.

Stell dir vor, du analysierst deine Zielgruppe ausschließlich über LinkedIn-Statistiken. Klingt logisch, oder? Aber was ist mit den Frauen, die LinkedIn nicht nutzen, weil sie schlechte Erfahrungen mit Mansplaining in Kommentaren gemacht oder einfach keine Zeit für noch eine weitere Plattform haben? Die siehst du in deinen Daten nicht, trotzdem könnten sie perfekte Kundinnen für dich sein.

Die sieben Prinzipien des Data Feminism

Data Feminism basiert auf sieben Grundprinzipien:

1. Examine Power

Frag dich immer: Wer hat diese Daten gesammelt und warum? Welche Interessen stehen dahinter? Wenn eine Studie über „erfolgreiche Unternehmerinnen“ nur Frauen mit Master-Abschluß und Venture Capital berücksichtigt, sagt sie nichts über den Erfolg von Frauen aus, die ihr Business ohne all das aufgebaut haben.

2. Challenge Power

Daten können diskriminieren, auch ohne böse Absicht. Hinterfrage aktiv, wer von bestimmten Datensammlungen profitiert und wer dabei unter den Tisch fällt. Algorithmen, die bei der Kreditvergabe verwendet werden, benachteiligen oft Frauen, weil sie auf historischen Daten basieren, in denen Frauen systematisch weniger Kredite bekommen haben. (Sie können ja erst seit 1962 in Deutschland ein eigenes Konto haben.)

3. Elevate Emotion and Embodiment

Gefühle sind auch Daten und extrem wichtige noch dazu! Die Angst deiner Kundin vor der ersten Gründung, ihre Freude über den ersten Erfolg, ihre Frustration über Work-Life-Balance, das alles sind messbare, wertvolle Informationen. Ignoriere das nicht, arbeite damit.

4. Rethink Binaries and Hierarchies

Die Welt ist nicht schwarz-weiß, und deine Daten sollten das auch nicht sein. Denk über starre Kategorien wie „erfolgreich/nicht erfolgreich“ oder „Zielgruppe/nicht Zielgruppe“ hinaus. Manchmal liegt das Gold in den Graubereichen, die traditionelle Datenanalysen übersehen.

5. Embrace Pluralism

Eine Perspektive reicht nicht. Punkt. Wenn du deine Zielgruppenanalyse nur auf Instagram-Insights stützt, verpasst du möglicherweise die Hälfte deiner potenziellen Kund*innen. Sammle bewusst verschiedene Sichtweisen und Datenquellen.

6. Consider Context

Zahlen ohne Kontext sind wie ein Kochrezept ohne Zutatenangaben, nutzlos. Eine niedrige Conversion-Rate kann bedeuten, dass dein Angebot schlecht ist. Oder dass deine Zielgruppe gerade in einer Lebensphase steckt, in der sie nicht kaufbereit ist. Der Kontext macht den Unterschied.

7. Make Labor Visible

Wer macht eigentlich die ganze Datenarbeit? Wer pflegt die Systeme, wer bereinigt die Daten, wer interpretiert die Ergebnisse? Oft sind es unterbezahlte Menschen, deren Arbeit unsichtbar bleibt. Erkenne diese Arbeit an und bezahle fair, auch in deinem eigenen Business.

Die unschöne Wahrheit: Wie Daten Frauen und andere marginalisierte Gruppen benachteiligen

Hier wird es unbequem, aber genau deshalb wichtig für dich als Frau und Mensch:

KI-Systeme sind sexistisch

Nicht weil sie es sein wollen, sondern weil sie mit sexistischen Daten gefüttert wurden. Sprachmodelle assoziieren “Krankenschwester” mit Frauen und “Chirurg” mit Männern. Recruiting-KIs bevorzugen männliche Bewerber, weil sie auf Lebensläufen trainiert wurden, in denen Führungspositionen mehrheitlich von Männern besetzt waren.

Gesundheitsdaten sind männlich geprägt 

Jahrelang wurden Medikamente hauptsächlich an Männern getestet. Das Ergebnis? Medikamente wirken bei Frauen anders, manchmal sogar gefährlich. Herzinfarkt-Symptome bei Frauen werden oft übersehen, weil die “klassischen” Symptome männlich definiert sind.

Wirtschaftsdaten ignorieren Care-Arbeit 

Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) zählt bezahlte Arbeit, aber nicht die unbezahlte Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird. Wenn du als Unternehmerin nebenbei noch Kinder erziehst oder Angehörige pflegst, taucht diese Leistung in keiner Wirtschaftsstatistik auf.

KI im Business: Fluch oder Segen für Frauen?

Jetzt wird es richtig spannend und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. KI-Tools wie ChatGPT, Gemini oder auch Claude nutzen alle Machine Learning. Und genau hier liegt das Problem UND die Chance.

Das Problem: Diese KI-Systeme reproduzieren Vorurteile. Wenn du ChatGPT nach „erfolgreichen Unternehmern“ fragst, bekommst du hauptsächlich männliche Beispiele. Bildgeneratoren zeigen CEOs als weiße Männer im Anzug. Marketing-KIs optimieren für Zielgruppen, die historisch mehr Kaufkraft hatten, also wieder: Männer.

Die Chance: Du kannst diese Systeme bewusst „umerziehen“. Statt „Erstelle mir Content für erfolgreiche Unternehmer“ schreibst du „Erstelle mir Content für erfolgreiche Unternehmerinnen und Gründerinnen“. Statt nach „Leadership-Tipps“ zu fragen, fragst du nach „Leadership-Tipps von weiblichen Vorbildern“.

Dein KI-Reality-Check:

  • Welche Prompts verwendest du? Sind sie geschlechtsneutral oder verstärken sie Stereotype?
  • Überprüfst du die KI-Ergebnisse auf Bias, oder nimmst du sie als gegeben hin?
  • Nutzt du KI, um diverse Perspektiven zu finden, oder bestätigst du nur deine eigenen Annahmen?

Data Feminism meets KI: Deine Superpower als Unternehmerin

Hier kommt der Game-Changer: Data Feminism gibt dir die Werkzeuge, um KI bewusst und kraftvoll zu nutzen. Statt dich von Algorithmen manipulieren zu lassen, hinterfrage die Ergebnisse und Daten.

Konkret bedeutet das:
Bei der Content-Erstellung
Nutze KI nicht als Ja-Sager, sondern als kritische Sparringspartnerin. Frag ChatGPT: „Welche Perspektiven fehlen in diesem Text? Wessen Stimmen werden überhört?“ Lass dir verschiedene Zielgruppenansätze vorschlagen, auch die, an die du nicht gedacht hättest.

Bei der Datenanalyse
KI-Tools können Muster in deinen Daten erkennen, die du übersiehst. Aber frag immer nach: Welche Daten fließen NICHT in die Analyse ein? Wenn dein KI-Tool sagt „Deine Zielgruppe ist 25-35 Jahre alt“, frag nach den Frauen über 35, vielleicht kaufen sie einfach anders oder werden von deinem Marketing nicht erreicht.

Bei der Akquise
Nutze KI, um Buyer Personas zu erstellen, die über „Alter, Geschlecht, Einkommen“ hinausgehen. Lass dir Personas von Frauen/Menschen mit unterschiedlichen Lebenssituationen, kulturellen Hintergründen und Karrierewegen erstellen.

Die KI-Falle (und wie du sie umgehst)

Viele Unternehmer*innen machen einen fatalen Fehler: Sie lassen KI für sich denken, statt MIT der KI zu denken.
Das Ergebnis? Content, der aussieht wie von allen anderen auch.

Data Feminism lehrt uns:
Hinterfrage die Quelle, erkenne die Lücken, fordere Vielfalt ein.
Bei KI heißt das konkret:

  • Prompt-Diversität: Verwende bewusst Prompts, die verschiedene Perspektiven abfragen
  • Bias-Check: Teste deine KI-Ergebnisse auf Vorurteile und stereotype Darstellungen
  • Feedback-Loop: Korrigiere KI-Systeme, wenn sie einseitige Ergebnisse liefern
  • Menschliche Kontrolle: KI ist dein Werkzeug, nicht dein Ersatz-Hirn

Was das konkret für dein Business bedeutet

Jetzt fragst du dich: „Schön und gut, aber was soll ich mit diesen Infos anfangen?“

  1. Werde zur bewussten KI-Nutzerin Behandle KI-Tools nicht als neutrale Werkzeuge. Sie sind es nicht.
    Nutze Data-Feminism-Prinzipien bei jedem Prompt: Welche Perspektiven fehlen? Wessen Geschichten werden nicht erzählt?
    Experimentiere bewusst mit verschiedenen Formulierungen und überprüfe die Ergebnisse kritisch.
  2. Diversifiziere deine Datenquellen Verlasse dich nicht nur auf eine Plattform oder ein Tool. Kombiniere quantitative Daten (Analytics) mit qualitativen Insights (Gespräche, Umfragen). Frag deine Kundinnen direkt, statt nur auf Algorithmen zu vertrauen.
  3. Hinterfrage deine Annahmen Wenn deine Daten zeigen, dass Frauen über 45 weniger online kaufen, frag dich: Liegt das daran, dass sie nicht wollen, oder daran, dass Online-Shops nicht für ihre Bedürfnisse optimiert sind?
  4. Erkenne deine Privilegien Als Unternehmerin hast du bestimmte Privilegien, nutze sie, um andere Frauen sichtbar zu machen. Lade Frauen mit verschiedenen Hintergründen zu deinem Podcast ein. Empfehle sie über deine Plattformen.
  5. Werde zur KI-Rebellin und Daten-Aktivistin Sammle bewusst Daten, die andere ignorieren. Nutze KI, um marginalisierte Stimmen zu verstärken, nicht um sie zu übertönen. Teile deine Erkenntnisse über KI-Bias mit anderen Unternehmerinnen. Mach die unsichtbare Arbeit deiner Kund*innen durch clevere KI-Nutzung sichtbar.

Dein Aktionsplan: Von Erkenntnis zu Veränderung

Data Feminism ist kein akademisches Gedankenspiel, es ist ein Werkzeug für mehr Gerechtigkeit und bessere Business-Entscheidungen.
Hier ist dein möglicher Startpunkt:

Diese Woche: Analysiere deine KI-Prompts der letzten Woche. Welche Bias könnten darin stecken? Teste bewusst geschlechtsinklusive und diversere Formulierungen bei deinen nächsten KI-Anfragen.

Diesen Monat: Führe ein „KI-Experiment“ durch: Erstelle den gleichen Content einmal mit deinen üblichen Prompts und einmal mit bewusst diversen Ansätzen. Vergleiche die Ergebnisse, du wirst überrascht sein.

Dieses Quartal: Entwickle deine eigene „Data-Feminism-KI-Strategie“.
Welche Tools nutzt du wie? Welche Überprüfungen baust du ein? Wie bildest du dich weiter, um KI-Bias zu erkennen und zu umgehen?

Die Datenrevolution hat längst begonnen und KI ist ihr Turbo-Boost. Aber sie wird nur dann gerecht, wenn wir alle bewusst daran teilnehmen. Als Unternehmerin hast du die Macht, sowohl Daten als auch KI bewusster zu nutzen und andere Frauen/Menschen dabei zu unterstützen, dasselbe zu tun.

Warum Data Feminism und KI zusammengehören 

Hier der entscheidende Punkt, den viele übersehen: Data Feminism ist nicht anti-KI. Es ist für eine bewusste KI-Nutzung. Die Bewegung fordert nicht, dass wir KI boykottieren, sondern dass wir sie schlauer nutzen.

KI ohne Data Feminism = Foto von einer bunten Sommer-Blumenwiese, in schwarz-weiß!
Wenn du KI unreflektiert nutzt, verstärkst du automatisch bestehende Ungleichheiten. Deine Marketing-KI wird hauptsächlich weiße, männliche Erfolgsgeschichten als Vorbilder vorschlagen. Deine Analytics-KI wird dir sagen, dass Frauen über 50 „nicht deine Zielgruppe“ sind, ohne zu erwähnen, dass sie vielleicht einfach auf anderen Kanälen aktiv sind.

KI mit Data Feminism = Dein Gleichstellungs-Booster Aber mit den richtigen Fragen und der richtigen Herangehensweise wird KI zu deinem Werkzeug für mehr Gerechtigkeit. Du kannst KI nutzen, um:

  • Blinde Flecken in deiner Zielgruppenanalyse aufzudecken
  • Content zu erstellen, der verschiedene Lebenswelten von Frauen abbildet
  • Vorurteile in deinen eigenen Geschäftsprozessen zu identifizieren
  • Neue Märkte und Kundinnengruppen zu entdecken, die andere übersehen

Die Data-Feminism-KI-Revolution beginnt bei dir
Jedes Mal, wenn du KI bewusst und kritisch nutzt, änderst du das System ein bisschen. Wenn du ChatGPT, Gemini, Claude usw. nach diversen Beispielen fragst, trainierst du das System darauf, Vielfalt zu zeigen. Wenn du KI-generierte Inhalte auf Bias überprüfst und korrigierst, machst du das System besser.

Das ist Data Feminism in Aktion: Du nutzt Technologie nicht nur, um dich und dein Business zu unterstützen, sondern um eine gerechtere digitale Welt zu schaffen. Und das ist verdammt kraftvoll.

Die Frage ist nicht, ob du bereit für KI und Daten bist.
Die Frage ist: Bist du bereit, die Spielregeln zu ändern und KI zu deinem feministischen Werkzeug zu machen?

Denn mal ehrlich: Wenn wir schon in einer KI-getriebenen Welt leben, dann sollten wenigstens unsere Algorithmen für uns arbeiten und nicht gegen uns. Data Feminism zeigt dir, wie das geht.

 

P.S. Lust auf ein paar  Gedankenspiele? 
Was wäre, wenn Frauen KI entwickelt hätten?
Was wäre, wenn KI-Modelle ihre Trainingsdaten nach der realen Verteilung der Menschheit gewichtet hätten?

Das Bild zeigt eine Illustration, die eine Frau mit kurzen, grauen Haaren und einer Brille darstellt, die den Zeigefinger an ihre Lippen legt, als würde sie ein Geheimnis lüften oder tief nachdenken. Sie ist von der Brust aufwärts zu sehen und trägt ein blaues Oberteil. Über ihrem Kopf befindet sich ein türkisfarbenes Karomuster. Unter der Frau steht in einem türkisfarbenen Kasten der Text "Data Feminism - Warum Daten nicht neutral sind (und was das für dein Business bedeutet)". In der unteren rechten Ecke ist das Logo "kleinsteDenkfabrik" zu sehen.