Hast du diese TikTok-Videos gesehen? Die Frage: “Was würdest du machen, wenn es keine Männer mehr auf der Welt gäbe?”
Die Antworten der Frauen? Joggen gehen. Zu jeder Uhrzeit. In jedem Outfit. Nach Hause laufen, ohne den Schlüssel zwischen die Finger zu klemmen. Feiern, ohne aufpassen zu müssen, was sie anziehen oder trinken.
Einfach leben. So wie Männer leben.
Was sagt das über unsere Welt aus? Dass die Grundfrage schon dystopisch ist. Deshalb stelle ich heute eine andere: Was wäre, wenn es keine Gewalt gegen Frauen mehr gäbe? Nicht die Männer weg, sondern die Gewalt. Wie würde diese Welt aussehen? Was würde sich verändern? Und: Was würde es uns bringen? Wirtschaftlich, gesellschaftlich, menschlich? Lass uns gemeinsam diese Vision entwickeln.
Das unsichtbare Preisschild toxischer Männlichkeit
Bevor wir träumen, schauen wir auf die Realität. Die Zahlen sind erschreckend, menschlich und wirtschaftlich.
Weltweit erlebt jede dritte Frau unter 50 Jahren Gewalt. In Deutschland waren 2024 266.000 Frauen Opfer häuslicher Gewalt und damit 10.000 mehr als im Vorjahr. 308 Frauen und Mädchen wurden getötet, 191 davon durch Partner oder Familienmitglieder.
Und dann sind da die wirtschaftlichen Kosten. Der Wirtschaftswissenschaftler Boris von Heesen hat berechnet, was toxisches männliches Verhalten Deutschland kostet: mindestens 63 Milliarden Euro. Jährlich. Die Aufschlüsselung zeigt, wo das Geld versickert:
- 43 Milliarden Euro durch Süchte. Männer sind häufiger von Alkohol- und Drogenabhängigkeit betroffen
- 5,21 Milliarden Euro Verkehrsunfälle durch männliche Fahrer (Frauen: 2,7 Milliarden)
- 3,02 Milliarden Euro Justizvollzugsanstalten – 94% der Häftlinge sind männlich
- 803 Millionen Euro direkte Kosten häuslicher Gewalt
Männer verunglücken dreimal so häufig tödlich im Straßenverkehr.
87% der bei Alkoholunfällen Verunglückten sind männlich.
90% der eingezogenen Führerscheine entfallen auf Männer.
Diese Zahlen zeigen: Gewalt gegen Frauen ist nicht nur ein menschliches Drama. Sie ist ein wirtschaftliches Problem.
Die Welt, die wir erschaffen könnten
Stell dir vor, diese 63 Milliarden Euro würden nicht da rein fließen, sondern in Innovation, Bildung, Sozialleistungen. Stell dir vor, Frauen könnten ihre gesamte mentale Energie nicht in Sicherheitsstrategien investieren, sondern in die Gestaltung der Welt.
Diese Welt wäre nicht nur gerechter. Sie wäre erfolgreicher.
Wirtschaftliches Wachstum durch echte Diversität
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Unternehmen mit dem größten Frauenanteil im Topmanagement haben eine 25% höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. In Europa liegt dieser Wert sogar bei über 60%.
Die Boston Consulting Group fand heraus: Unternehmen mit überdurchschnittlicher Diversität erzielen 19 Prozentpunkte höhere Innovationserlöse.
Und in der Start-up-Szene? Das Paradox wird besonders deutlich. Gründerinnen generieren 2,5-mal höhere Renditen als reine Männer-Teams. Der Return on Investment bei Teams mit mindestens einer weiblichen Gründerin ist 63% höher. Trotzdem erhalten sie nur 1% des Risikokapitals. Das ist unfair und irgendwie auch dumm.
Verena Pausder vom Startup-Verband bringt es auf den Punkt: “Wenn in einer männlich dominierten Wirtschaftswelt männlich dominierte Investoren fast ausschließlich in Startups männlicher Gründer investieren, dann läuft etwas grundlegend schief.” Der Volkswirtschaft geht dadurch enorm Wertschöpfung verloren.
Stabilerer Frieden weltweit
Frauen verhandeln nicht nur besser im Business. Sie verhandeln auch besseren Frieden.
Wenn Frauen als Beobachterinnen, Unterzeichnerinnen, Mediatorinnen oder Verhandlerinnen an Friedensprozessen beteiligt sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Friedensabkommen die ersten 2 Jahre um 20% länger hält. Über 15 Jahre sogar um 35%.
Die Abkommen enthalten mehr und qualitativ bessere Vereinbarungen. Die Umsetzungsrate in den ersten 10 Jahren ist höher.
Die Realität? 2024 waren nur 7% der Verhandelnden in Friedensprozessen Frauen.
Was für eine Verschwendung von Potential.
Was sich konkret ändern müsste
Eine Welt ohne Gewalt gegen Frauen braucht strukturellen Wandel. Auf allen Ebenen.
Hier sind die Hebel, die wir gemeinsam bewegen müssen:
Gewalt neu definieren
Gewalt gegen Frauen ist mehr als körperliche Übergriffe. Es ist der sexistische Witz. Das Catcalling. Der Kommentar, der mansplained oder lächerlich macht. Die digitale Hassattacke. Die unsichtbare Care-Arbeit, die Frauen ökonomisch abhängig hält.
Studien zeigen: Wenn sexistische Witze normalisiert werden, folgt die nächste Stufe. Diese Gewaltspirale führt zu Femiziden.
Auch Sprache kann Gewalt sein. Wenn in Deutschland nicht von Femiziden die Rede ist, sondern von “Familientragödien”, wenn es heißt “eine Frau wurde umgebracht, weil sie sich getrennt hat” statt “ein Mann hat eine Frau umgebracht”, dann wird durch Sprache die Verantwortung verschoben. Die Frau bzw. das Opfer ist nie schuld, sondern immer der Täter.
Täterarbeit statt Opferberatung
Wir müssen aufhören, Frauen zu erklären, wie sie sich schützen können. Wir müssen Männern erklären, wie sie sich verhalten müssen.
Männern muss geholfen werden, bevor sie zu Tätern werden. Emotionsregulation ohne Stigma. Neue Männlichkeitsbilder: Gefühle zeigen dürfen. Care-Arbeit übernehmen. Sich gegenseitig auf grenzüberschreitendes Verhalten ansprechen.
“Ihm ist die Hand ausgerutscht” ist keine Entschuldigung. Er hat sich nicht im Griff und braucht Hilfe. Diese Hilfe müssen wir ihm geben. Und es darf ihm nicht peinlich sein, weil er dann “kein echter Mann mehr ist”.
Strukturelle Veränderungen vorantreiben
- Gleiche Bezahlung, gleiche Aufstiegschancen. Gender Pay Gap schließen
- Finanzierung von Schutzeinrichtungen massiv ausbauen
- Catcalling als Straftat endlich anerkennen
- Polizei, Justiz, Gesundheitssystem: bessere Schulung zur Erkennung von Gewalt
- Schulen: geschlechtersensible Pädagogik von Anfang an
Digitale Gewalt stoppen
61,2% der Opfer digitaler Gewalt sind Frauen. Cyberstalking, Doxing, bildbasierte sexualisierte Gewalt, Deep Fakes, koordinierte Hassangriffe, besonders gegen politisch aktive Frauen und generell Creatorinnen. Diese Gewalt muss konsequent verfolgt werden. Sie ist real. Sie wirkt. Sie gehört gestoppt.
Zivilcourage kultivieren
Was können Zeug*innen tun, wenn sie Gewalt beobachten? Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens statt Wegschauens. Dazwischen gehen und einschreiten muss selbstverständlich werden.
Wenn ein Kollege einen sexistischen Witz macht: ansprechen.
Wenn jemand Catcalling beobachtet: eingreifen.
Wenn eine Freundin Hilfe braucht: da sein.
Was jede*r Einzelne tun kann
Menschen müssen gleich behandelt werden, weil sie Menschen sind.
Das ist der Kern. Egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Herkunft, welchen Status, welche Macht sie haben oder nicht.
Wie möchtest du, dass mit dir umgegangen wird? Dann behandle andere genauso.
Konkret kannst du:
- Sexistische Witze nicht mittragen, sondern ansprechen
- In Gründerinnen-Programme, diverse Teams, Friedensarbeit investieren
- Als Mann: emotionale Arbeit leisten, andere Männer zur Verantwortung ziehen
- Als Frau: solidarisch sein, Räume für einander schaffen
- Als Gesellschaft: gemeinsam definieren, welche Werte wir vertreten wollen
Die Vision ist möglich
Eine Welt ohne Gewalt gegen Frauen ist nicht nur gerechter. Sie ist erfolgreicher. Friedlicher. Innovativer. Wohlhabender.
Die Zahlen beweisen es. Die Studien zeigen es. Die Realität ruft danach.
Wir können diese Welt gemeinsam erschaffen. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Nicht im Wettbewerb, sondern in Kooperation.
Was würdest du in einer Welt ohne Gewalt gegen Frauen tun?
Welchen ersten Schritt gehst du diese Woche?
P.S.: Als Teil meiner politischen Arbeit arbeite ich jeden Tag daran, diese Vision Realität werden zu lassen. In der Kommunalpolitik, wo echte Veränderung beginnt. Wenn du magst, komm mit auf diese Reise. Gemeinsam können wir mehr bewegen.
Quellen und weiterführende Links
Kosten männlichen Verhaltens
Von Heesen, Boris (2024): “Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats”
https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2024/kapital/boris-von-heesen-im-interview-was-maenner-kosten
TU Cottbus / RBB24 (2024): Studie zu Verkehrsunfällen nach Geschlecht
https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/08/maenner-verursachen-mehr-kosten-als-frauen-studie.html
Gewalt gegen Frauen – Statistiken
Bundeskriminalamt / Tagesschau (2024): Häusliche Gewalt in Deutschland
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/haeusliche-gewalt-frauen-100.html
Weltgesundheitsorganisation (WHO): Violence Against Women – Fact Sheet
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/violence-against-women
Tagesschau (2024): Digitale Gewalt gegen Frauen
https://www.tagesschau.de/kultur/digitale-gewalt-frauen-100.html
Wirtschaftlicher Erfolg durch Diversität
McKinsey (2020): “Diversity Wins: How Inclusion Matters”
https://www.mckinsey.com/featured-insights/diversity-and-inclusion/diversity-wins-how-inclusion-matters
McKinsey (2018): “Delivering through Diversity”
https://www.mckinsey.com/business-functions/people-and-organizational-performance/our-insights/delivering-through-diversity
Boston Consulting Group (2017): “The Mix That Matters: Innovation Through Diversity”
https://www.bcg.com/publications/2017/people-organization-leadership-talent-innovation-through-diversity-mix-that-matters
Start-ups und Gründerinnen
Boston Consulting Group (2018): “Why Women-Owned Startups Are a Better Bet”
https://www.bcg.com/publications/2018/why-women-owned-startups-are-better-bet
First Round Capital: “The First Round 10 Year Project” – Performance-Analyse
https://medium.com/firstround-capital/the-first-round-10-year-project-1d8e6d8d3d0f
Deutscher Startup Monitor: https://deutscherstartupmonitor.de/
Female Founders Monitor
https://femalefoundersmonitor.de/
EY Deutschland (2024): Venture Capital-Barometer
https://www.ey.com/de_de/news/2024/01/ey-venture-capital-barometer-2024
Europäische Investitionsbank (EIB): Women in Business – Economic Survey
https://www.eib.org/en/publications/eibis-women-in-business
Frauen in Friedensverhandlungen
Council on Foreign Relations: Women’s Participation in Peace Processes
https://www.cfr.org/womens-participation-in-peace-processes/
UN Women: Facts and Figures – Women, Peace and Security
https://www.unwomen.org/en/what-we-do/peace-and-security/facts-and-figures
International Peace Institute (2016): “Making Women Count – Not Just Counting Women”
https://www.ipinst.org/2016/03/making-women-count-not-just-counting-women