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Was wäre, wenn ganz viele Frauen in die Politik gehen?

Warum Optimismus im Patriarchat keine Haltung ist.

Vor ein paar Monaten bin ich über einen TikTok-Kommentar gestolpert: „Vielleicht wäre es an der Zeit, eine Frauenpartei zu gründen.“ Mein erster Gedanke? Gute Idee, aber nein. Bis so eine Partei steht, gewählt wird und irgendetwas bewegen kann, dauert es ewig und kostet viele Nerven und vor allem auch Geld. Mein zweiter Gedanke? Warum eigentlich eine neue Partei gründen, wenn wir die bestehenden einfach fluten können?

Was passiert, wenn ganz, ganz viele Frauen eintreten?

Kurze Antwort: Die Agenda ändert sich. Die Listen ändern sich. Die Kultur ändert sich. Langsam, aber sie ändert sich.

Längere Antwort: Die Forschung zeigt, dass Frauen in Parteien nur dann echten Einfluss gewinnen, wenn sie a) gemeinsam handeln, b) sich vorher auf eine gemeinsame Agenda verständigen und c) auch außerhalb der Partei organisiert sind. Das belegt eine Carnegie Endowment-Studie zu Frauenbeteiligung in politischen Parteien (Brechenmacher, 2020): In Ländern wie Bolivien und Südafrika gelang es Frauen, Einfluss in entstehenden Parteien zu gewinnen. Aber nur dort, wo sie vorab Strukturen aufgebaut hatten, um gemeinsame Forderungen zu formulieren. Einzelne Frauen, die einfach nur Mitglied werden, verändern nichts. Viele Frauen, die koordiniert und gemeinsam eintreten, verändern alles.

Das Gute: Wir haben das Internet. Wir haben Social Media. Wir müssen uns nicht mehr in Hinterzimmern verabreden.

Ist das realistisch oder nur ein Tagtraum?

Schau nach Island. Am 24. Oktober 1975 legten rund 90 Prozent der isländischen Frauen die Arbeit nieder, bezahlte und unbezahlte. Schulen schlossen. Flüge wurden gestrichen. Fabriken standen still. Ein Jahr später verabschiedete das Parlament sein erstes Gleichstellungsgesetz. Fünf Jahre später wurde Vigdís Finnbogadóttir die erste demokratisch gewählte Staatspräsidentin der Welt. Sie sagte selbst, dass 1975 ihren Weg möglich gemacht habe.
(Quelle: National Geographic, Oktober 2025; Ms. Magazine, März 2026)

Schau nach Ruanda. Die Verfassung von 2003 legte eine Quote von 30 Prozent Frauenanteil fest. Frauen übertrafen sie dramatisch: 2008 hatten sie 56 Prozent der Parlamentssitze. Heute sind es 63,8 Prozent. Weltrekord.
(Quelle: UN Women, 2018; UN Rwanda, 2024)

Schau nach Deutschland. Frauenanteil im Bundestag nach der Wahl 2025: 32,4 Prozent. In der Kommunalpolitik: 30,5 Prozent. Nur jedes siebte Rathaus wird von einer Frau geleitet.
(Quelle: Statistisches Bundesamt, März 2025)

Und ein Blick in die Bundesländer. Im Schnitt sind es 33,4 Prozent, aber die Spanne reicht von 24,6 Prozent in Bayern bis 48,8 Prozent in Hamburg.
(Quelle: Statistisches Bundesamt, September 2026)

Wir reden nicht von einem Tagtraum. Wir reden von einer politischen Strategie, die anderswo schon funktioniert hat.

Aber es gibt ein Aber

Es gibt eine reale Gefahr: die Vereinnahmungsfalle. Frauen treten ein, passen sich der Parteilogik an, und plötzlich ist die eigene Agenda nicht mehr verhandelbar, sondern „Teil der allgemeinen Parteiinteressen“. Wie das passiert und warum das Patriarchat als Dreieck so stabil ist, das habe ich in meinem Beitrag zum Mikro-Matriarchat ausführlich beschrieben.

Die kurze Version: Die Vereinnahmungsfalle lässt sich nur umgehen, wenn Frauen nicht nur drinnen sind, sondern gleichzeitig draußen bleiben, In einem überparteilichen Kreis, der die eigene Agenda schützt und Druck von außen aufbaut. Nicht SPD-Frauen gegen CDU-Frauen gegen Grünen-Frauen. Sondern: Frauen in Parteien.

Kann man im Patriarchat als Frau überhaupt optimistisch bleiben?

Diese Frage begleitet mich. Und meine ehrliche Antwort lautet: Keine Ahnung. Ich versuche es.

Nicht blinder Optimismus. Nicht die rosarote „alles wird gut“-Variante. Sondern strategischer Optimismus: Ich sehe die Lage klar. Ich weiß, dass Fortschritt kein Selbstläufer ist, Der Frauenanteil im Bundestag ist zuletzt sogar zurückgegangen. Und trotzdem, genau deswegen, entscheide ich mich für Handlung statt für Lähmung.

Vigdís Finnbogadóttir musste sich im Wahlkampf die Frage gefallen lassen, ob das isländische Volk von einer Frau mit nur einer Brust regiert werden wolle (sie hatte Brustkrebs). Sie hat gewonnen. 16 Jahre Präsidentschaft.

Optimismus heißt: nicht die Augen verschließen, aber auch nicht die Hoffnung verlieren.

Also. Was jetzt? Zwei Schienen, ein Ziel.

Wenn du dir denkst „Ich kenne mich mit Politik nicht aus“, Männer ohne Expertise treten auch ein. Sie lernen es erst drin.
Wenn du dir denkst „Ich habe keine Zeit“, das ist eine strukturelle Schieflage, die sich nur ändert, wenn genug Frauen drin sind, um sie zu ändern.

Schiene 1: Rein in die Partei.

  1. Schau dir die Parteien in deiner Kommune an. Welche hat die meisten Frauen? Welche hat Frauenquoten in der Satzung?

  2. Geh nicht allein. Verabrede dich mit einer Freundin, einer Kollegin, einer Nachbarin. Gemeinsam eintreten verändert die Dynamik von Beginn an.

  3. Behalte dein Netzwerk außerhalb der Partei.

Schiene 2: Bau den Kreis.

  1. Vernetze dich mit Frauen aus anderen Parteien. Sucht die gemeinsame Agenda: Was wollt ihr alle, unabhängig vom Parteiprogramm? Gleiche Bedingungen fürs Ehrenamt? Mehr Frauen auf den Listen?

  2. Macht diesen Kreis sichtbar. Sagt, was er ist: kein Kaffeeklatsch, sondern gelebtes Mikro-Matriarchat. Mehr dazu: MIkro-Matriarchat.

Die isländischen Frauen haben 1975 nicht auf bessere Zeiten gewartet. Sie haben aufgehört, das System am Laufen zu halten, zumindest für einen Tag. Und dann sind sie in die Institutionen gegangen.

Wir müssen nicht auf einen Streiktag warten. Wir können heute Abend eintreten. Und übermorgen den Kreis gründen.

Quellen

Brechenmacher, Saskia / Hubbard, Caroline (2020): Political Parties Weren’t Made For Women—That Needs to Change. Carnegie Endowment for International Peace.
https://carnegieendowment.org/posts/2020/03/political-parties-werent-made-for-womenthat-needs-to-change

Kantola, Johanna / Elomäki, Anna (2018): Women’s Organizations of Political Parties: Formal Possibilities, Informal Challenges and Discursive Controversies. Taylor & Francis (NORA – Nordic Journal of Feminist and Gender Research).
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08038740.2018.1529703

UN Women (2018): Revisiting Rwanda five years after record-breaking parliamentary elections.
https://www.unwomen.org/en/news/stories/2018/8/feature-rwanda-women-in-parliament

UN Rwanda (2024): Rwanda reaffirms its unwavering commitment to gender equality with 63.8 per cent of women in the Chamber of Deputies.
https://rwanda.un.org/en/282783-rwanda-reaffirms-its-unwavering-commitment-gender-equality-638-cent-women-chamber-deputies

Statistisches Bundesamt / Destatis (März 2025): Frauen in Parlamenten in Deutschland nach wie vor unterrepräsentiert.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/03/PD25_N010_13.html

Statistisches Bundesamt / Destatis (September 2026): 33,4 % der Abgeordneten in Länderparlamenten sind Frauen.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2026/PD26_36_p002.html

National Geographic (Oktober 2025): 50 years ago, the women of Iceland took a day off—and inspired the world.
https://www.nationalgeographic.com/history/article/icelandic-womens-strike

Ms. Magazine (März 2026): They Dare, They Can, They Will: The History of Iceland’s Decades-Strong Women’s Strike Movement.
https://msmagazine.com/2026/03/21/iceland-womens-strike-history-feminist/

 

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Über die Autorin

Ich bin Barbara, Content + KI Mentorin und der kreative Kopf hinter der kleinsten Denkfabrik. Bei mir bekommst du alles rund um Content Creation, KI, Kreativität und Feminismus.
Ich zeige Frauen, wie sie KI als Sparringspartnerin nutzen, um sichtbar zu werden. Mein Ideenfließband steht nie wirklich still und mein analytisches Denken sorgt dafür, dass dabei auch die Struktur stimmt.
Ich habe Ideen für drei Leben, brauchst du eine?

Grafik der kleinstenDenkfabrik mit Illustration einer nachdenklichen Frau und dem Text: „Was wäre, wenn ganz viele Frauen in die Politik gehen?“, zum Thema Frauenförderung in der Politik.